Interview m. F.Augustin

   
 


 

 

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Interview mit Abouna Augustin Aoun, Regens des Priesterseminars des Libanesisch Maronitischen Ordens (OLM) im Konvent "Unserer Lieben Frau von Tamish", April 2010

Eine gekürzte Version des Interviews erschien in INFORMATION CHRISTLICHER ORIENT Nr.42/2011:
ico 42/2011 "Einzige Land in Nahost, wo die Christen noch eine Stimme haben"


CO: Guten Tag, Father Augustin, wir befinden uns im Kloster „Unserer Lieben Frau von Tamish“ nahe Beirut. Können Sie unseren Lesern kurz Ihre Aufgabe hier im Kloster schildern?

 

F.A.: Im Westen wäre mein Titel „Rektor“, „Regens“ des Priesterseminars, aber hier werde ich „Hirte“ genannt. Von allen Mitbrüdern werde ich „Vater Hirte“ genannt, und ich bevorzuge diesen Titel.

 

ICO: Wie viele Seminaristen leben gegenwärtig im Konvent von Tamish?

 

F.A.: Augenblicklich haben wir 42 Seminaristen. Am 19. Juni diesen Jahres wurden ausserdem 13 Diakone des Libanesisch Maronitischen Ordens zu Priestern geweiht.

 

ICO: Studieren im Orden (OLM) alle Brüder Theologie und werden zu Priestern geweiht?

 

F.A.: Keiner der jungen Mönche ist verpflichtet Priester zu werden. Wir haben einige Brüder im Orden, die sich entschieden haben, Brüder zu bleiben. Aber wir legen Wert darauf, dass alle Mönche ein Studium absolvieren. Bildung ist sehr wichtig. Von Anfang an waren die Mönche des Ordens gut ausgebildet und dadurch führend für das Volk. 

 

ICO: In Europa haben wir große Probleme mit den Berufungen. Ist das für den Libanesisch Maronitischen Orden auch ein Thema?

 

F.A.: Gott sei gedankt, haben wir immer noch viele Berufungen. Wir könnten gewiss noch mehr Mönche brauchen, und doch haben wir, Gott sei gedankt, genügend Berufungen. Bei den Frauenkongregationen, speziell den lateinischen nach westlichem Vorbild sieht das dagegen anders aus. Diese stehen vor ernsthaften Problemen, was die Zahl der Berufungen angeht.

 

ICO: Bei uns herrscht Priestermangel. Das führt dazu, dass ein Priester oft für mehrere Gemeinden zuständig ist. Gibt es diese Situation auch im Libanon?

 

F.A.: Nicht wirklich. So etwas gibt es allenfalls in einigen abgelegenen Dörfern am Rande des Libanon. Und meiner Ansicht nach hat das nicht mit einem Mangel an Berufungen zu tun, sondern ist eher ein finanzielles Problem. Es gibt arme Pfarreien, welche alleine den Lebensunterhalt eines Priesters nicht decken können. Es sind ja die Gemeinden, welche für die Versorgung ihrer Priester aufkommen müssen. Und wie Sie vermutlich wissen, haben wir verheiratete Priester. Und ein verheirateter Priester kostet natürlich mehr. Aber wir wollen verheiratete Priester, wir ermutigen dazu, sie sind sehr gut. In der Geschichte der Maronitischen Kirche gab es immer verheiratete Priester. Unter ihnen sind viele Heilige. 

 

ICO: In früheren Zeiten gab es innerhalb der Maronitischen Kirche sehr viele Eremiten, spielte das kontemplative Leben eine große Rolle. Im Gegensatz dazu scheint es heute eine stärkere Akzentuierung des aktiven Lebens zu geben.

 

F.A.: Nun, an unserer Lebensart als Mönche hat sich prinzipiell nichts geändert. Die Spiritualität unseres Ordens ist immer noch genau dieselbe. Aber die Gesellschaft hat sich verändert, das kulturelle Umfeld. Die Anfragen an die Mönche sind drängender geworden, sie werden mehr gebraucht. Deshalb sind die Mönche heutzutage mehr ausserhalb der Klöster unterwegs, sind seelsorgerisch tätig, lehren und predigen. Innerhalb der Klöster leben sie jedoch wie jeher ihr kontemplatives Leben.

 

ICO: Wie viele Eremiten gibt es augenblicklich im Libanesisch Maronitischen Orden?

 

F.A.: Wir haben drei Eremiten bei gegenwärtig 350 Mönchen. Ich kenne viele Mönche, die gerne das Leben eines Eremiten wählen würden, aber die vielfältigen Aufgaben, die dem Orden gestellt sind, erlauben es ihnen nicht, diesen Weg zu gehen.

 

ICO: Sie sprechen von den Aufgaben. Welche Rolle spielt der Orden für und innerhalb der Gesellschaft?

 

F.A.:  Es ist kennzeichnend für den Libanesisch Maronitischen Orden, dass er sehr nahe bei den Menschen ist. Und die Menschen nahe bei ihm. Wir lieben sie und sie lieben uns. Wir sind in vielen Aktivitäten und vielfältiger Arbeit miteinander verbunden. Gott sei gedankt, können wir sagen, dass die Menschen uns immer noch sehr vertrauen und wir sie immer noch sehr lieben.

 

ICO: Wie hat sich die Lage der Christen durch diesen schrecklichen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 verändert? Ist sie besser oder schlechter geworden?

 

F.A.: Nun, der Krieg ist etwas, was uns wirklich sehr tief verwundet hat. Und die Narben sind immer noch da. Deshalb hassen wir den Krieg, wir wollen keinesfalls noch einmal Krieg. Und speziell dieser Krieg im Libanon ist nicht unser Krieg gewesen, er wurde herein getragen. Und das war auch kein Krieg zwischen Christen und Moslems, eine solche Behauptung ist Unsinn. Wir wollen nie mehr Krieg. Wir lieben unser Land. Wir glauben, das es sehr schön ist. Wir mögen es, wenn Fremde uns besuchen kommen. Krieg zerstört das alles. Wir fürchten den Krieg. Wir fürchten uns nicht davor zu sterben, aber davor unser Land zu verlieren. Wir haben viel verloren durch den Krieg, wir verloren vieles in vielfältiger Hinsicht und auf vielfältige Weise. Aber es mag auch etwas Positives an diesem Thema geben: 95 Prozent der Christen im Libanon praktizieren ihren Glauben. Und ich persönlich glaube, dass dies mit dem Krieg zu tun hat.

 

ICO: Ich möchte nun auf die jungen Menschen im Libanon zu sprechen kommen. Wie sehen sie deren Situation heute, spirituell und materiell?

 

F.A.: Gott sei gedankt, glauben die jungen Menschen im Libanon immer noch an Gott, die meisten von ihnen. Sie sind von der Kirche angezogen. Es gibt keinen jungen Menschen, keinen Christen, mit dem man spricht, der sich negativ über die Kirche äußert. Aber die jungen Menschen haben viele Sorgen. Und die haben mit der wirtschaftlichen Situation im Libanon zu tun. Wir erziehen unsere Kinder dazu, den Wert von Bildung zu schätzen, Universitäten zu besuchen, Abschlüsse zu machen. Die meisten von ihnen studieren also und finden dann im Libanon keine Arbeit. Sie müssen also fortziehen, um Arbeit zu finden. 

 

ICO: Wohin?

 

F.A.: In die arabischen Länder, die Golfstaaten. In den Westen: Europa, Amerika, Kanada und Australien.

 

ICO: Was müsste man tun, um diese Situation zu ändern?

 

F.A.: Wir müssen Jobs für sie schaffen. Heutzutage ist es sehr schwierig, im Libanon ein Haus zu kaufen. Die Löhne reichen nicht aus um zu heiraten und eine Familie zu gründen. Wir brauchen Häuser, wir brauchen kostenlose Schulen, Krankenhäuser und eine allgemeine Gesundheitsversorgung. Okay, wir haben immerhin ein staatliches Gesundheitssystem, was zumindest für einen Teil der Bevölkerung funktioniert, aber die größten Probleme bleiben noch: Wohnung und Bildung. Gestern sprach ich mit meinem Cousin und er sagte: „Selbst wenn ich dafür Land verkaufen muss, ich möchte meine Kinder auf eine gute Schule schicken.“ Es gibt ja auch kostenlose Schulen, aber sie sind nicht so gut und nicht so angesehen bei den Menschen. 

 

ICO: Die Menschen machen also Schulden, um ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung zu bieten?

 

F.A.: Genau das passiert. Wir geben alles dafür, und wie geht es dann weiter? Diese jungen Menschen ziehen ins Ausland und wir verlieren nach und nach unsere christliche Gemeinschaft im Libanon.

 

ICO: Gibt es genügend Unterstützung für die Maroniten durch die katholische Gesamtkirche, durch Rom? 

 

F.A.: Wir, die Maroniten, lieben Rom sehr. Wir glauben sehr an den Papst. Wir sind Rom dankbar, was die Geschichte angeht. Möglicherweise hat es mit Rom zu tun, dass wir immer noch hier leben. Aber heutzutage: Nein, die Unterstützung reicht nicht. Nun, ich glaube, dass die westliche Kirche ihre eigenen Probleme hat, die Menschen sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Jeder kann ja sehen, wie es den Christen gegenwärtig in den östlichen Ländern geht, in Ägypten, im Irak, im Heiligen Land, in der Türkei. Der Libanon ist ja das einzige Land im Osten, in dem die Christen noch eine Stimme haben. Aber wenn wir so weiter machen, geht die Entwicklung dahin, dass unsere Situation einmal nicht anders sein wird wie die der Christen im Heiligen Land, in Jordanien, in Ägypten.

 

 ICO: Welchen Wunsch haben Sie an die Christen bei uns?

 

F.A.: Zuallererst brauchen wir ihre Gebete. Wir müssen beten, denn am Ende ist es der Allmächtige Gott, der uns und Seiner Kirche wirklich helfen kann. Und zum Zweiten, ja, da gibt es etwas, das mich verletzt, wenn ich gewöhnlich in Europa unterwegs bin; sobald ich den Menschen erzähle, dass ich aus dem Libanon stamme, fragen sie ganz verwundert: „Oh, gibt es denn Christen im Libanon?“ Nun, das erste, - was Sie ja tun, und wofür ich Ihnen dankbar bin -, ist zu erzählen, dass im Libanon Christen leben. Und nicht nur leben, sondern dass der Libanon ein christliches Land ist. Von Anfang an war es ein christliches Land. Wir haben die anderen Religionen willkommen geheissen, weil wir sie lieben. Wir waren ihnen gegenüber offen, wir sagten: „Kommt, lebt mit uns.“ Es ist traurig zu sehen, dass wir nun aussen vor sind und sie sind mitten drin. Und unglücklicherweise nimmt es doch in Europa genau dieselbe Entwicklung.

Ja, es leben Christen im Libanon und sie müssen hier bleiben. Es gibt so viele Wege die Menschen zu halten. Die Libanesen lieben ihr Land. Niemand geht freiwillig fort oder emigriert einfach so zum Spaß, sondern weil er dazu gezwungen ist. 

 

ICO: Gibt es eine Zukunft für die Christen im Libanon?

 

F.A.: Ganz gewiss. Rein rational gesehen müsste ich sagen: Nein. Aber wir vertrauen in Gott und wir glauben daran, dass der Libanon für immer ein christliches Land bleiben wird.

 

ICO: Father Augustin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

Das Interview für die ICO führte Matthias Disch.

 
 

 

 
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